Wissenschaft und Forschung: Evaluation der umgesetzten Maßnahmen

Unter der Leitung des Dachverbands Deutscher Avifaunisten werden die Forschungsarbeiten von der Universität Göttingen, den Praxispartnern vor Ort sowie viele weitere Fachleute durchgeführt. Ziel ist die Beantwortung von Fragen wie: verbessert sich das Nahrungsangebot auf den rotmilanfreundlich bewirtschafteten Flächen und können die Milane dieses auch nutzen? Sind die Maßnahmen geeignet, den Bruterfolg zu erhöhen? Können sie den Bestandsrückgang stoppen und den Erhaltungszustand langfristig sichern? Die gewonnenen Erfahrungen und Ergebnisse werden für Empfehlungen in der Agrarpolitik verwendet.

Um den Effekt der umgesetzten Schutzmaßnahmen einschätzen und beurteilen zu können, werden folgende Parameter in den Projektgebieten gemessen und bewertet:

1. Nahrungsangebot und -verfügbarkeit durch

a. Ermittlung der Kleinsäuger- und Vogeldichte auf Maßnahmen- und Kontrollflächen
b. den Einsatz von Nestkameras

2. Flächennutzung zur Nahrungssuche und Rotmilanpräsenz auf Maßnahmen- und Kontrollflächen durch

a. Flächenbeobachtungen
b. Telemetrie

3. Erfassung des Bestands und Bruterfolgs mittels Revierkartierung

Neben klassischen Bestandserfassungen werden auch neueste Techniken eingesetzt, wie zum Beispiel Nestkameras zur Nahrungsanalyse und Telemetrie für Untersuchungen zur Raumnutzung. Der DDA bringt neben seinem fachlichen Wissen auch zahlreiche eigene Daten zum Vergleich der im Projekt erzielten Ergebnisse ein.

Zudem hat das Johann Heinrich von Thünen-Institut eine Evaluierung der Beratung durchgeführt. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Schaffung von Akzeptanz bei den Landnutzenden. Durch die gewonnenen Ergebnisse (s.u.) kann die Beratung weiter verbessert werden.

Publikationen des DDA

Die Vogelwelt 02/2019: Johanna Karthäuser, Jakob Katzenberger & Christoph Sudfeldt: Evaluation von Maßnahmen zur Verbesserung des Nahrungsangebotes für den Rotmilan in intensiv genutzten Agrarlandschaften

Zusammenfassung:

Um das Nahrungsangebot für Rotmilane in der Agrarlandschaft zu verbessern und jahreszeitliche Engpässe in der Nahrungsverfügbarkeit zu verhindern, wurden im Rahmen eines bundesweiten Rotmilan-Schutzprojektes in enger Zusammenarbeit mit Landwirten vor Ort in neun Projektgebieten in sieben Bundesländern verschiedene Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen sowie Greening-Maßnahmen umgesetzt. Dazu zählten die extensive Bewirtschaftung von Grünland, der Anbau mehrjährigen Feldfutters, die Anlage von Brachen und Blühstreifen und die Pflanzung von Bäumen und Hecken. Durch die Umsetzung der Maßnahmen sollten die Populationen von Kleinsäugern und Feldvögeln, als Hauptkomponenten der Rotmilan-Nahrung, gesteigert und die Zugänglichkeit der Beute für Rotmilane verbessert werden. Zentrale Fragestellungen waren: Lassen sich die Verfügbarkeit von Kleinsäugern und Singvögeln und damit das Nahrungsangebot für den Rotmilan durch geeignete Maßnahmen der Agrarförderung optimieren? Und nutzen Rotmilane ein verbessertes Nahrungsangebot auf diesen Flächen?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Aktivitätsdichte sowohl von Feldvögeln als auch von Kleinsäugern im Mittel über alle Jahre gesehen deutlich höher auf Maßnahmen- als auf Kontrollflächen war. Um die Bevorzugung oder Meidung bestimmter Flächen durch Rotmilane nachzuweisen, analysierten wir die Suchflugzeit über Maßnahmen- und Kontrollflächen. Dabei zeigte sich, dass nahrungssuchende Rotmilane Feldfutterflächen, extensives Grünland, Brachen und Blühflächen auch außerhalb landwirtschaftlicher Bearbeitung gegenüber Kontrollflächen klar bevorzugten. Während der Mahd auf Grünland- oder Feldfutterflächen nutzten Rotmilane die in Bearbeitung befindlichen Flächen zehn- bis zwanzigmal so intensiv als Flächen ohne Bearbeitung. In den Folgetagen fiel die Nutzung durch Rotmilane auf den bearbeiteten Flächen allerdings auch wieder deutlich ab. Der Jagderfolg war während der Mahd und am ersten Folgetag ebenfalls deutlich höher als über nicht bearbeiteten Flächen. Um für Rotmilane in intensiv genutzten Agrarlandschaften ein stabiles Nahrungsangebot und eine gute Nahrungsverfügbarkeit zu gewährleisten, ist ein Mosaik unterschiedlicher Anbaukulturen und Nutzungsstadien (Staffelmahd) inklusive Hecken, Blühstreifen und mehrjährigen Brachflächen als Refugien für Kleinsäuger- und Feldvögel sowie ausreichend Wäldern, Feldgehölzen und Baumreihen als Brutstandorte für die Milane essenziell. Voraussetzung für die Verbesserung der Nahrungsverfügbarkeit ist, dass die Maßnahmen auf einer ausreichend großen Fläche umgesetzt werden. So können positive Effekte für den Rotmilanbestand und die Biodiversität in der Agrarlandschaft erreicht werden.

Der Falke 10/2019: Rotmilanforschung in Deutschland

Zusammenfassung:

In vielen Bundesländern führen verschiedene Arbeitsgruppen, Naturschutzverbände, Institutionen und Privatpersonen Forschungsprojekte zur Verbesserung des Rotmilanschutzes durch, denn weitsichtige und auf großer Fläche zielführende Maßnahmen setzen umfassende Kenntnisse über die Ökologie voraus. Dabei helfen neue Methoden, wie die Satellitentelemetrie, die schon jetzt spannende Erkenntnisse liefern. Seit Kurzem gibt es nun auch Ansätze, diese vielen Aktivitäten zusammenzuführen und miteinander zu vernetzen. Mit diesem Beitrag geben wir einen zusammenfassenden Überblick über die aktuellen Entwicklungen.

Der Falke 07/2018: Die kuriosen Reisen der Rotmilane

Zusammenfassung:

„Liebeskummer, Winterflucht und Sitzenbleiber“ – unter diesem Titel stellt der DDA die ungewöhnlichsten Flugrouten unserer besenderten Rotmilane vor. Die Videos zeigt der DDA auf seiner Website.

Der Falke 06/2018: Was steuert den Bruterfolg beim Rotmilan?

Zusammenfassung:

1. Der Anteil dörflicher Siedlungen
Je höher der Anteil dörflicher Siedlungsfläche im Nestumfeld einzelner Milane ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Brut.

2. Die zur Brutzeit herrschende Witterung
Erhöhter Niederschlag an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen kann zu Brutverlusten führen.

3. Die landwirtschaftliche Nutzung
Das Vorhandensein von Grünland hat einen stark positiven Einfluss auf den Bruterfolg, auch Feldfutterflächen zeigen einen positiven Effekt. Auf extensivem Grünland, Feldfutterflächen, Brachen oder Blühstreifen (Maßnahmenflächen) sind mehr Beutetiere (Kleinsäuger und Singvögel) vorhanden als auf Wintergetreide und intensivem Grünland (Kontrollflächen). Der Mahdzeitpunkt ist entscheidend: Während der Mahd waren sowohl Feldfutter und extensives Grünland als auch intensives Grünland für Rotmilane attraktiv.

4. Die Vielfalt der Landschaft und Nahrungsverfügbarkeit im Nestumfeld
Rotmilanbruten in einem Nestumfeld, das sich durch eine geringere Vegetationsdeckung auf den Nutzflächen, eine hohe Anbauvielfalt sowie einen großen Anteil an Blühflächen und Brachen auszeichnet, haben deutlich häufiger zwei oder mehr flügge Jungvögel.

Der Falke 07/2017: Ergebnisse der Untersuchungen zu Nahrungsangebot und -verfügbarkeit sowie Habitatnutzung

Zusammenfassung:

Die bisherigen Untersuchungen zur Nahrungsverfügbarkeit deuten darauf hin, dass

– Vögel als potenzielle Rotmilanbeute auf den Maßnahmenflächen häufiger vorkamen als in der umgebenden Landscha­ft
– Kleinsäuger auf Maßnahmen- und Kontrollflächen gleichermaßen häufig vorkamen
– Rotmilane Flächen besonders während der Mahd nutzten, um die während der Bearbeitung getöteten Kleinsäuger aufzusammeln
– der Zeitpunkt der Mahd für die Nahrungsversorgung der Rotmilane von entscheidender Bedeutung ist

Die bisherigen Untersuchungen zur Habitatnutzung deuten darauf hin, dass

– Kleinsäuger vor allem im Grünland, Vögel, Aas und Fleischreste vor allem in Siedlungen erbeutet wurden
– Männchen und Weibchen eine kleinere Fläche nutzten, wenn dort ein höherer Anteil von Dörfern oder Grünland vorhanden war
– die besenderten Milane eine hohe und über die Jahre konstant bleibende Territorialität zeigten
– sowohl weibliche als auch männliche Rotmilane zur Nahrungssuche vor allem Grünland und Siedlungen nutzten (wobei mehr Männchen in die Siedlungen flogen als Weibchen).

Der Falke 12/2015: Erste Ergebnisse im Rotmilanprojekt Land zum Leben

Zusammenfassung:

Verbessern die Maßnahmen die Nahrungssituation?
Die Ergebnisse zeigen bereits jetzt, dass während der Jungenaufzucht gemähte Feldfutterflächen (Kleegras- beziehungsweise Luzerne) sehr häufig von Rotmilanen zur Nahrungssuche genutzt werden. Diese Konzentration ist ein Hinweis darauf, dass die Erreichbarkeit der Nahrung zu dieser Zeit der Engpass bei der Jungenversorgung ist.

Sind die Jungvögel in den Projektgebieten besser versorgt?

Die Auswertung eines ersten gefilmten Nestes mit drei Jungvögeln bei Göttingen ergab, dass die Jungvögel an 15 von 22 ausgewerteten Tagen weniger als die erforderliche Nahrungsmenge von 150 Gramm pro Küken erhielten. Obwohl die Elterntiere an Tagen mit ausreichender Nahrungsmenge Futter im Nest deponierten und in den Folgetagen verfütterten, zeigten die Jungvögel an jedem dritten Tag deutliche Anzeichen von Hunger. Die aktuell schwierige Nahrungssituation wird auch deutlich, wenn man die Aktionsräume der besenderten Rotmilane genauer betrachtet. Im Projektgebiet Göttingen nutzten alle Vögel während der Nestlingsphase eine Ortschaft im Zentrum des genutzten Raumes. Möglicherweise haben die Tiere dort bessere Chancen, Nahrung zu finden als auf landwirtschaftlichen Flächen.

Publikation des Thünen-Instituts

Thünen Working Paper 130: Hannah Böhner & Thomas Schmidt: Beratung als Instrument für mehr Naturschutz in der Landwirtschaft – Evaluierung des Beratungsangebotes im Verbundprojekt Rotmilan – Land zum Leben

Zusammenfassung:

Wie wirkt sich die Beratung von Landnutzenden in den Projektregionen auf die Umsetzung von Maßnahmen in der Fläche aus?

Diese Frage untersuchte das Thünen-Institut für Ländliche Räume. Die Studie zeigt, dass Beratung ein wichtiges Instrument zur Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen durch Landwirtschaftsbetriebe ist. Zusammenfassend konnten aus den Ergebnissen sechs Kernaussagen abgeleitet werden:

1 . Geeignete Förderprogramme bilden die entscheidende Grundlage für die zielführende Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen auf landwirtschaftlichen Flächen.
2. Beratung fördert die Maßnahmenumsetzung, indem neue Betriebe für die Teilnahme gewonnen und die eingebrachten Flächen erhöht werden.
3. Langfristigkeit und Konstanz des Beratungsangebotes ermöglichen eine fortlaufende Akquise neuer Betriebe sowie den Aufbau von Vertrauen und Kooperationen.
4. Praxisnahe Begleitung bei der Maßnahmenumsetzung, Folgeberatung und die Mitteilung von Maßnahmenerfolgen durch die beratende Institution sind wichtige Bestandteile.
5. Regionalspezifische Merkmale der Beratungsangebote ergeben sich aus den verfügbaren Fördermaßnahmen, Eigenschaften der beratenden Institution und BeraterInnen sowie der Agrarstruktur.
6.  Beratung fördert die Qualität der umgesetzten Maßnahmen, weshalb eine Bemessung des Maßnahmenerfolges nicht ausschließlich anhand der Maßnahmenfläche erfolgen kann.

Beratung transportiert Naturschutzfachwissen in die Landbewirtschaftung und sensibilisiert die Handelnden. Dabei bietet sie Unterstützung bei der Umsetzung. Die Grundvoraussetzung für ein effektives Beratungsangebot sind jedoch ausreichende finanzielle Mittel für die Maßnahmenumsetzung, die an die regionalspezifischen
Biodiversitätsziele sowie an praktische landwirtschaftliche Erfordernisse angepasst sind.

Methoden und Ergebnisse
Evaluation der Maßnahmen

1. Analyse des Nahrungsangebots und der Nahrungsverfügbarkeit

Bieten die landwirtschaftlichen Flächen, die im Rahmen des Projektes rotmilanfreundlich bewirtschaftet werden, mehr Nahrung und ist sie für die Greifvögel erreichbar? Um diese Fragen beantworten zu können, werden auf Maßnahmen- und Kontrollflächen alljährlich das Nahrungsangebot und die Nahrungsverfügbarkeit untersucht. Die Kontrollgebiete befinden sich in jeder der neun Projektregionen sowie in Schleswig-Holstein, im Sauerland und in der Schwäbischen Alb.

a. Ermittlung der Kleinsäuger- und Vogeldichte

Wichtig ist vor allem die Verfügbarkeit von Kleinsäugern und Singvögeln, denn diese gehören zur Hauptnahrung der Rotmilane. Um das Vorkommen dieser Beutetiere zu untersuchen, werden Lebendfallen aufgestellt, um Mäuse und andere Kleinsäuger auf Flächen mit und ohne angepasster Bewirtschaftung zu zählen. Außerdem wird die Mittlere Dichte aller vorkommenden Vögel auf den Flächen mit und ohne Bewirtschaftung ermittelt.

Kleinsäugerfalle. © A. Görlich

Ergebnisse 2014 – 2016

Jährlich zwischen März und Juni wurden alle vorkommenden Vogelarten auf den Kontroll- (z.B. Winterweizen) und den Maßnahmenflächen (z.B. Blühflächen und Feldfutter) gezählt und deren Dichte (Anzahl Vögel/ha) ermittelt.

Auf den Maßnahmenflächen ist sowohl die Artenzahl als auch die Individuenzahl von Vögeln als potentielle Beute des Rotmilans etwa doppelt so hoch als auf normal bewirtschafteten Flächen. Besonders hoch ist die Vogeldichte in Blühstreifen, die eine wichtige Nahrungsressource für Kleinvögel darstellen.

Darunter befinden sich Arten wie Stare und Drosseln, die zum Nahrungsspektrum des Rotmilans zählen. Durchschnittlich bevorzugen die hier aufgeführten Vogelarten der Agrarlandschaft rotmilanfreundliche Flächen gegenüber Wintergetreide. Fazit: Rotmilanfreundliche Landwirtschaft ist ein Gewinn für viele  Arten der Agrarlandschaft.

Abbildung 1: Mittlere Vogeldichte pro Hektar auf
Kontroll- 
und Maßnahmenflächen.

Abbildung 2: Prozentualer Anteil vorkommender Vogelarten der Agrarlandschaft
auf Kontroll- und Maßnahmenflächen.

b. Einsatz von Nestkameras

Mit Hilfe von Kameras am Nest wird herausgefunden, welche Nahrung an die Jungen verfüttert wird. So kann nicht nur die Art und das ungefähre Gewicht der eingetragenen Beutetiere bestimmt werden, sondern auch, ob die Jungvögel gut genährt sind, wie sie sich entwickeln und welche Fressfeinde sie haben.

Die Abteilung Naturschutzbiologie der Georg-August Universität Göttingen unterstützt das Projekt Land zum Leben mit wissenschaftlichen Untersuchungen und deren Auswertungen zu Bruterfolg und Nahrungsbestandteilen. Grundlage der Arbeiten ist das gemeinsame Rotmilanprojekt der Abteilung Naturschutzbiologie und der Biologischen Schutzgemeinschaft zu Göttingen e.V. Das Projekt wird zusätzlich in Kooperation mit der Unteren Naturschutzbehörde, dem Landschaftspflegeverband Göttingen und der Staatlichen Vogelschutzwarte Niedersachsen durchgeführt.

Unter der Leitung von Dr. Eckhard Gottschalk werden an ausgewählten Nestern Videokameras installiert, mit Hilfe derer die Nahrung der Jungvögel, Brutverhalten und Aufzuchterfolg der Rotmilane aufgezeichnet werden. Die brütenden Rotmilane werden durch die Kameras in keinster Weise beeinträchtigt. Das Untersuchungsgebiet befindet sich im Raum Göttingen. Dort haben die Rotmilane relativ hohe Brutverluste (48 von 97 Bruten wurden in den letzten Jahren aufgegeben).

Die Untersuchungen sollen klären, ob der Milanbestand trotzdem stabil ist und was die Ursachen für die Brutaufgaben sind. In Jahren mit geringer Wühlmausdichte werden vor allem Dreier-Bruten von Rotmilanen schlechter versorgt, als in Jahren mit ausreichend Nahrung. Zur Zeit des höchsten Nahrungsbedarfs im Mai und Juni stehen Raps und Getreide üblicherweise so hoch, dass solche Felder – und damit ein großer Teil der Landschaft – für die Nahrungssuche ausfällt. Seit 2009 wurden an 18 Rotmilannestern Kameras installiert.

Nestkamera. © Dr. Eckhard Gottschalk

Ergebnisse 2014 – 2016

2016 gelang es im Rahmen einer an der Universität Göttingen durchgeführten Masterarbeit erstmals, Videoaufzeichnungen von zwei Nestkameras und Telemetriedaten zweier besenderter Altvögel in Kombination auszuwerten. Dadurch war es möglich, herauszufinden, welche Nahrung bei den einzelnen Flügen zum Nest gebracht wurde:

Kleinsäuger erbeuteten die Milane hauptsächlich im Grünland, Aas und Fleischreste wurden ebenso häufig dort, aber auch in Siedlungen aufgesammelt. Kleinere Vögel wurden vor allem in Siedlungen erbeutet.

Abbildung 3: Habitatnutzung pro Beutekategorie eines Rotmilan-Männchens innerhalb der letzten 15 Minuten vor
Ankunft am Nest im Jahr 2016. Der hohe Anteil an Acker ergibt sich aus dem hohen Flächenanteil von Ackerland im Untersuchungsgebiet, insgesamt jedoch wurden Ackerflächen gemieden. Nur Beutekategorien mit mindestens
fünf Objekten wurden berücksichtigt. N = Anzahl der Beuteobjekte, Nfixes = Anzahl der GPS-Lokalisationen.

2. Analyse der Flächennutzung und Rotmilanpräsenz

 Nutzen Rotmilane die für sie optimierten Nahrungsflächen und welche Kulturen bevorzugen sie?

a. Flächenbeobachtungen

Es wird beobachtet, wie lang Rotmilane im Vergleich zu den Kontrollflächen über den Maßnahmeflächen verweilen (Suchflugzeit in Sekunden pro Hektar mal Stunde) und wie oft sie Nahrung aufnehmen pro Stunde und Hektar.

Ergebnisse 2014 – 2016

Unsere systematischen Beobachtungen zeigen, dass besonders Feldfutter, aber auch Grünland als Nahrungsquellen attraktiv sind und häufiger genutzt werden als die Umgebung. Vor allem während der Mahd werden diese Kulturen bevorzugt angeflogen, da die Rotmilane dann leicht Beute machen können. In den Folgetagen geht die Nutzung aber auch schnell wieder zurück. Auch Brachen und Randstrukturen wie z.B. Blühstreifen (als Verstecke für Kleinsäuger) werden häufig abgeflogen.

Abbildung 4: Rotmilanpräsenz auf Maßnahmen- und Kontrollflächen (Wintergetreide)
zu den Zeitpunkten vor, während und nach der Mahd.

Wo wird welche Beute gemacht? Auf den rotmilanfreundlich bewirtschafteten Flächen erbeuten die Greifvögel vor allem Mäuse, aber auch Kleinvögel. Dabei ist der Zeitpunkt der Mahd essentiell. Auf extensivem Grünland und Feldfutterflächen wird ein Großteil der erbeuteten Mäuse während oder kurz nach der Mahd aufgenommen.

Abbildung 5: Anzahl der Nahrungsaufnahmen auf Maßnahmenflächen
und Anteil der jeweiligen Beutetiere.

b. Telemetrie

Mit Sendern versehene Altvögel ermöglichen eine exakte Ortung während der gesamten Brutzeit. Die winzigen, solarbetriebenen GPS-Datenlogger werden den Rotmilanen wie ein Rucksack übergestreift und zeichnen bei gutem Wetter alle fünf Minuten die Position des Vogels auf. Die so gewonnenen Informationen zeigen, in welchen Bereichen sich die Vögel aufhalten und ob sie auf Maßnahmenflächen häufiger nach Nahrung suchen als in der Umgebung.

Mit der Kombination aus klassischen Geländeuntersuchungen und modernster Technik sind somit spannende Einblicke in das Leben der Rotmilane möglich. In Zusammenarbeit mit Dr. Eckhard Gottschalk sowie den Rotmilanexperten Thomas Pfeiffer und Christian Gelpke werden in den drei Projektgebieten Landkreis Göttingen, Weimarer Land und Nordsachsen Rotmilane mit Sendern ausgestattet.

Ergebnisse 2014 – 2016

Zwischen 2014 und 2016 konnten insgesamt 26 Rotmilane mit solarbetriebenen GPS-Sendern ausgestattet und so die Flugrouten der einzelnen Vögel aufgezeichnet werden. Die Auswertung der Aufenthaltsräume zeigte, dass die Größe der genutzten Fläche von der jeweils vorhandenen Lebensraumausstattung abhängig ist: Je höher der Anteil an menschlichen Siedlungen oder Grünland in der Umgebung des Nests, desto kleiner sind die Aktionsräume. In diesen Bereichen des Reviers finden die Tiere ausreichend Beute für sich und die Jungvögel. Dies lässt sich auch aus der mit Hilfe von Kameras dokumentierten Nahrung schließen, die zum Nest gebracht wurde: Im Grünland werden vor allem Kleinsäuger erbeutet während in Siedlungen besonders viele Vögel und menschliche Abfälle aufgelesen werden.

Insgesamt zeigten die besenderten Milane eine hohe und über die Jahre konstant bleibende Territorialität. Sowohl weibliche als auch männliche Milane nutzten zur Nahrungssuche vor allem Grünland und Siedlungen, wobei mehr Männchen in die Siedlungen flogen als Weibchen. Aber: Rotmilane scheinen ihren eigenen Kopf zu haben. Neben klaren Unterschieden im Verhalten der Vögel von Projektgebiet zu Projektgebiet zeigten sich auch bei den einzelnen Vögeln ganz individuelle Verhaltensweisen.


Abbildung A: Aktionsräume (AR) von zwei im Projekt besenderten Rotmilan-Männchen während der Brutzeit (April bis Juli). Das Grünland im Umfeld der Nistplätze nutzten beide Vögel häufig zur Nahrungssuche, die auch dort in der Nähe liegende Siedlung wurde jedoch hauptsächlich von Männchen 2 beansprucht. Das Männchen 1 wich daher häufig auf die weiter nördlich gelegene Ortschaft aus und zeigte daher auch einen deutlich größeren Aktionsraum.

Die durchgezogenen Linien zeigen das Gebiet, in dem die Vögel mit 50 % Wahrscheinlichkeit anzutreffen waren, die gestrichelten Linien zeigen, wo sie sich mit 95 % Wahrscheinlichkeit aufhielten. Die Nester der Vögel sind durch Rauten markiert. Landnutzungsdaten wurden aufbereitet aus Corine Land Cover (CLC) und OpenStreetMap (OSM).

Abbildung B. Aktionsräume (AR) von zwei im Projekt besenderten Rotmilan-Männchen und einem -Weibchen während der Brutzeit (April bis Juli). Männchen 3 und Weibchen 1 waren verpaart und nutzten beide einen kleinen Grünlandbereich in Nestnähe. Hierbei zeigten die beiden Vögel eine erstaunlich hohe Überlappung ihrer Aktionsräume während der Brutzeit. Angrenzend daran befand sich das Revier von Männchen 4, welches ebenfalls viel Grünland aber auch Siedlungsgebiete ausgiebig beflog.

3. Erfassung des Bestands und Bruterfolgs

Bringen die Maßnahmen etwas und nimmt der Rotmilanbestand in den Projektgebieten zu? Um den Effekt der Maßnahmen zu untersuchen, werden Brutvögel und Fortpflanzungserfolg auf allen Maßnahmen- und Kontrollflächen alljährlich mittels Revierkartierung erfasst. Die Daten werden mit Ergebnissen des bundesweiten Atlasprojektes ADEBAR (Atlas Deutscher Brutvogelarten) der bundesweiten Rotmilankartierung 2011/2012 sowie des Monitorings Greifvögel und Eulen verglichen.