Wissenschaft und Forschung: Evaluation der umgesetzten Maßnahmen

Unter der Leitung des Dachverbands Deutscher Avifaunisten werden die Forschungsarbeiten von der Universität Göttingen, den Praxispartnern vor Ort sowie viele weitere Fachleute durchgeführt. Ziel ist die Beantwortung von Fragen wie: verbessert sich das Nahrungsangebot auf den rotmilanfreundlich bewirtschafteten Flächen und können die Milane dieses auch nutzen? Sind die Maßnahmen geeignet, den Bruterfolg zu erhöhen? Können sie den Bestandsrückgang stoppen und den Erhaltungszustand langfristig sichern? Die gewonnenen Erfahrungen und Ergebnisse werden für Empfehlungen in der Agrarpolitik verwendet.

Um den Effekt der umgesetzten Schutzmaßnahmen einschätzen und beurteilen zu können, werden folgende Parameter in den Projektgebieten gemessen und bewertet:

  1. Nahrungsangebot und -verfügbarkeit durch
    a. Ermittlung der Kleinsäuger- und Vogeldichte auf Maßnahmen- und Kontrollflächen
    b. den Einsatz von Nestkameras
  2.  Flächennutzung zur Nahrungssuche und Rotmilanpräsenz auf Maßnahmen- und Kontrollflächen durch
    a. Flächenbeobachtungen
    b. Telemetrie
  3. Erfassung des Bestands und Bruterfolgs mittels Revierkartierung

Neben klassischen Bestandserfassungen werden auch neueste Techniken eingesetzt, wie zum Beispiel Nestkameras zur Nahrungsanalyse und Telemetrie für Untersuchungen zur Raumnutzung. Der DDA bringt neben seinem fachlichen Wissen auch zahlreiche eigene Daten zum Vergleich der im Projekt erzielten Ergebnisse ein.

Zudem führt das Johann Heinrich von Thünen-Institut eine Evaluierung der Beratung durch. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Schaffung von Akzeptanz bei den Landnutzenden. Durch die gewonnenen Ergebnisse kann die Beratung weiter verbessert werden.

1. Analyse des Nahrungsangebots und der Nahrungsverfügbarkeit

Bieten die landwirtschaftlichen Flächen, die im Rahmen des Projektes rotmilanfreundlich bewirtschaftet werden, mehr Nahrung und ist sie für die Greifvögel erreichbar? Um diese Fragen beantworten zu können, werden auf Maßnahmen- und Kontrollflächen alljährlich das Nahrungsangebot und die Nahrungsverfügbarkeit untersucht. Die Kontrollgebiete befinden sich in jeder der neun Projektregionen sowie in Schleswig-Holstein, im Sauerland und in der Schwäbischen Alb.

a. Ermittlung der Kleinsäuger- und Vogeldichte

Wichtig ist vor allem die Verfügbarkeit von Kleinsäugern und Singvögeln, denn diese gehören zur Hauptnahrung der Rotmilane. Um das Vorkommen dieser Beutetiere zu untersuchen, werden Lebendfallen aufgestellt, um Mäuse und andere Kleinsäuger auf Flächen mit und ohne angepasster Bewirtschaftung zu zählen. Außerdem wird die Mittlere Dichte aller vorkommenden Vögel auf den Flächen mit und ohne Bewirtschaftung ermittelt.

Kleinsäugerfalle. © A. Görlich

b. Einsatz von Nestkameras

Mit Hilfe von Kameras am Nest wird herausgefunden, welche Nahrung an die Jungen verfüttert wird. So kann nicht nur die Art und das ungefähre Gewicht der eingetragenen Beutetiere bestimmt werden, sondern auch, ob die Jungvögel gut genährt sind, wie sie sich entwickeln und welche Fressfeinde sie haben.

Die Abteilung Naturschutzbiologie der Georg-August Universität Göttingen unterstützt das Projekt Land zum Leben mit wissenschaftlichen Untersuchungen und deren Auswertungen zu Bruterfolg und Nahrungsbestandteilen. Grundlage der Arbeiten ist das gemeinsame Rotmilanprojekt der Abteilung Naturschutzbiologie und der Biologischen Schutzgemeinschaft zu Göttingen e.V. Das Projekt wird zusätzlich in Kooperation mit der Unteren Naturschutzbehörde, dem Landschaftspflegeverband Göttingen und der Staatlichen Vogelschutzwarte Niedersachsen durchgeführt.

Unter der Leitung von Dr. Eckhard Gottschalk werden an ausgewählten Nestern Videokameras installiert, mit Hilfe derer die Nahrung der Jungvögel, Brutverhalten und Aufzuchterfolg der Rotmilane aufgezeichnet werden. Die brütenden Rotmilane werden durch die Kameras in keinster Weise beeinträchtigt. Das Untersuchungsgebiet befindet sich im Raum Göttingen. Dort haben die Rotmilane relativ hohe Brutverluste (48 von 97 Bruten wurden in den letzten Jahren aufgegeben).

Die Untersuchungen sollen klären, ob der Milanbestand trotzdem stabil ist und was die Ursachen für die Brutaufgaben sind. In Jahren mit geringer Wühlmausdichte werden vor allem Dreier-Bruten von Rotmilanen schlechter versorgt, als in Jahren mit ausreichend Nahrung. Zur Zeit des höchsten Nahrungsbedarfs im Mai und Juni stehen Raps und Getreide üblicherweise so hoch, dass solche Felder – und damit ein großer Teil der Landschaft – für die Nahrungssuche ausfällt. Seit 2009 wurden an 18 Rotmilannestern Kameras installiert.

Nestkamera. © Dr. Eckhard Gottschalk

Ergebnisse 2014 – 2016

1. Nahrungsangebot und Nahrungsverfügbarkeit

a. Vogeldichte auf den Maßnahmenflächen

 
Jährlich zwischen März und Juni wurden alle vorkommenden Vogelarten auf den Kontroll- (z.B. Winterweizen) und den Maßnahmenflächen (z.B. Blühflächen und Feldfutter) gezählt und deren Dichte (Anzahl Vögel/ha) ermittelt.

Auf den Maßnahmenflächen ist sowohl die Artenzahl als auch die Individuenzahl von Vögeln als potentielle Beute des Rotmilans etwa doppelt so hoch als auf normal bewirtschafteten Flächen. Besonders hoch ist die Vogeldichte in Blühstreifen, die eine wichtige Nahrungsressource für Kleinvögel darstellen.

Darunter befinden sich Arten wie Stare und Drosseln, die zum Nahrungsspektrum des Rotmilans zählen. Durchschnittlich bevorzugen die hier aufgeführten Vogelarten der Agrarlandschaft rotmilanfreundliche Flächen gegenüber Wintergetreide. Fazit: Rotmilanfreundliche Landwirtschaft ist ein Gewinn für viele  Arten der Agrarlandschaft.

Abbildung 1: Mittlere Vogeldichte pro Hektar auf
Kontroll- 
und Maßnahmenflächen.

Abbildung 2: Prozentualer Anteil vorkommender Vogelarten der Agrarlandschaft
auf Kontroll- und Maßnahmenflächen.

Ergebnisse 2014 – 2016

1. Nahrungsangebot und Nahrungsverfügbarkeit

b. Einsatz von Nestkameras

 
2016 gelang es im Rahmen einer an der Universität Göttingen durchgeführten Masterarbeit erstmals, Videoaufzeichnungen von zwei Nestkameras und Telemetriedaten zweier besenderter Altvögel in Kombination auszuwerten. Dadurch war es möglich, herauszufinden, welche Nahrung bei den einzelnen Flügen zum Nest gebracht wurde:

Kleinsäuger erbeuteten die Milane hauptsächlich im Grünland, Aas und Fleischreste wurden ebenso häufig dort, aber auch in Siedlungen aufgesammelt. Kleinere Vögel wurden vor allem in Siedlungen erbeutet.

Abbildung 3: Habitatnutzung pro Beutekategorie eines Rotmilan-Männchens innerhalb der letzten 15 Minuten vor
Ankunft am Nest im Jahr 2016. Der hohe Anteil an Acker ergibt sich aus dem hohen Flächenanteil von Ackerland im Untersuchungsgebiet, insgesamt jedoch wurden Ackerflächen gemieden. Nur Beutekategorien mit mindestens
fünf Objekten wurden berücksichtigt. N = Anzahl der Beuteobjekte, Nfixes = Anzahl der GPS-Lokalisationen.

2. Analyse der Flächennutzung und Rotmilanpräsenz

 Nutzen Rotmilane die für sie optimierten Nahrungsflächen und welche Kulturen bevorzugen sie?

a. Flächenbeobachtungen

Es wird beobachtet, wie lang Rotmilane im Vergleich zu den Kontrollflächen über den Maßnahmeflächen verweilen (Suchflugzeit in Sekunden pro Hektar mal Stunde) und wie oft sie Nahrung aufnehmen pro Stunde und Hektar.

b. Telemetrie

Mit Sendern versehene Altvögel ermöglichen eine exakte Ortung während der gesamten Brutzeit. Die winzigen, solarbetriebenen GPS-Datenlogger werden den Rotmilanen wie ein Rucksack übergestreift und zeichnen bei gutem Wetter alle fünf Minuten die Position des Vogels auf. Die so gewonnenen Informationen zeigen, in welchen Bereichen sich die Vögel aufhalten und ob sie auf Maßnahmenflächen häufiger nach Nahrung suchen als in der Umgebung.

Mit der Kombination aus klassischen Geländeuntersuchungen und modernster Technik sind somit spannende Einblicke in das Leben der Rotmilane möglich. In Zusammenarbeit mit Dr. Eckhard Gottschalk sowie den Rotmilanexperten Thomas Pfeiffer und Christian Gelpke werden in den drei Projektgebieten Landkreis Göttingen, Weimarer Land und Nordsachsen Rotmilane mit Sendern ausgestattet.

Ergebnisse 2014 – 2016

2. Flächennutzung und Rotmilanpräsenz

 a. Flächenbeobachtungen

 
Unsere systematischen Beobachtungen zeigen, dass besonders Feldfutter, aber auch Grünland als Nahrungsquellen attraktiv sind und häufiger genutzt werden als die Umgebung. Vor allem während der Mahd werden diese Kulturen bevorzugt angeflogen, da die Rotmilane dann leicht Beute machen können. In den Folgetagen geht die Nutzung aber auch schnell wieder zurück. Auch Brachen und Randstrukturen wie z.B. Blühstreifen (als Verstecke für Kleinsäuger) werden häufig abgeflogen.

Abbildung 4: Rotmilanpräsenz auf Maßnahmen- und Kontrollflächen (Wintergetreide)
zu den Zeitpunkten vor, während und nach der Mahd.

Wo wird welche Beute gemacht? Auf den rotmilanfreundlich bewirtschafteten Flächen erbeuten die Greifvögel vor allem Mäuse, aber auch Kleinvögel. Dabei ist der Zeitpunkt der Mahd essentiell. Auf extensivem Grünland und Feldfutterflächen wird ein Großteil der erbeuteten Mäuse während oder kurz nach der Mahd aufgenommen.

Abbildung 5: Anzahl der Nahrungsaufnahmen auf Maßnahmenflächen
und Anteil der jeweiligen Beutetiere.

Ergebnisse 2014 – 2016

2. Flächennutzung und Rotmilanpräsenz

b. Telemetrie

 
Zwischen 2014 und 2016 konnten insgesamt 26 Rotmilane mit solarbetriebenen GPS-Sendern ausgestattet und so die Flugrouten der einzelnen Vögel aufgezeichnet werden. Die Auswertung der Aufenthaltsräume zeigte, dass die Größe der genutzten Fläche von der jeweils vorhandenen Lebensraumausstattung abhängig ist: Je höher der Anteil an menschlichen Siedlungen oder Grünland in der Umgebung des Nests, desto kleiner sind die Aktionsräume. In diesen Bereichen des Reviers finden die Tiere ausreichend Beute für sich und die Jungvögel. Dies lässt sich auch aus der mit Hilfe von Kameras dokumentierten Nahrung schließen, die zum Nest gebracht wurde: Im Grünland werden vor allem Kleinsäuger erbeutet während in Siedlungen besonders viele Vögel und menschliche Abfälle aufgelesen werden.

Insgesamt zeigten die besenderten Milane eine hohe und über die Jahre konstant bleibende Territorialität. Sowohl weibliche als auch männliche Milane nutzten zur Nahrungssuche vor allem Grünland und Siedlungen, wobei mehr Männchen in die Siedlungen flogen als Weibchen. Aber: Rotmilane scheinen ihren eigenen Kopf zu haben. Neben klaren Unterschieden im Verhalten der Vögel von Projektgebiet zu Projektgebiet zeigten sich auch bei den einzelnen Vögeln ganz individuelle Verhaltensweisen.


Abbildung A: Aktionsräume (AR) von zwei im Projekt besenderten Rotmilan-Männchen während der Brutzeit (April bis Juli). Das Grünland im Umfeld der Nistplätze nutzten beide Vögel häufig zur Nahrungssuche, die auch dort in der Nähe liegende Siedlung wurde jedoch hauptsächlich von Männchen 2 beansprucht. Das Männchen 1 wich daher häufig auf die weiter nördlich gelegene Ortschaft aus und zeigte daher auch einen deutlich größeren Aktionsraum.

Die durchgezogenen Linien zeigen das Gebiet, in dem die Vögel mit 50 % Wahrscheinlichkeit anzutreffen waren, die gestrichelten Linien zeigen, wo sie sich mit 95 % Wahrscheinlichkeit aufhielten. Die Nester der Vögel sind durch Rauten markiert. Landnutzungsdaten wurden aufbereitet aus Corine Land Cover (CLC) und OpenStreetMap (OSM).

Abbildung B. Aktionsräume (AR) von zwei im Projekt besenderten Rotmilan-Männchen und einem -Weibchen während der Brutzeit (April bis Juli). Männchen 3 und Weibchen 1 waren verpaart und nutzten beide einen kleinen Grünlandbereich in Nestnähe. Hierbei zeigten die beiden Vögel eine erstaunlich hohe Überlappung ihrer Aktionsräume während der Brutzeit. Angrenzend daran befand sich das Revier von Männchen 4, welches ebenfalls viel Grünland aber auch Siedlungsgebiete ausgiebig beflog.

3. Erfassung des Bestands und Bruterfolgs

Bringen die Maßnahmen etwas und nimmt der Rotmilanbestand in den Projektgebieten zu? Um den Effekt der Maßnahmen zu untersuchen, werden Brutvögel und Fortpflanzungserfolg auf allen Maßnahmen- und Kontrollflächen alljährlich mittels Revierkartierung erfasst. Die Daten werden mit Ergebnissen des bundesweiten Atlasprojektes ADEBAR (Atlas Deutscher Brutvogelarten) der bundesweiten Rotmilankartierung 2011/2012 sowie des Monitorings Greifvögel und Eulen verglichen.